Die Klammer

Einführung in das Konzept der Ausstellung durch Dr. Marco Hüttenmoser („Bauleiter“)

EINE ÖFFENTLICHE PERSON

Marie Meierhofer war eine öffentliche Person. Sie kämpfte in aller Öffentlichkeit für das Wohl der Kinder und wurde auch in der Öffentlichkeit für ihren Einsatz heftig angegriffen. Dies war für uns ein gewichtiger Grund, etwas mehr als 10 Jahre nach ihrem Tod, anlässlich ihres 100. Geburtstages in aller Öffentlichkeit an des Leben und Werk von Marie Meierhofer und ihre grossen Verdienste für die Kinder zu erinnern: Des­halb nicht nur ein Buch, sondern auch eine Ausstellung im öffentlichen Raum.
Die Ausstellung trägt den Titel „Den Kindern ein Haus bauen“. Dies in Erinnerung an die kleine erst 7 jährige Marie, die tod­traurig über den Tod ihres kleinen Bruders, ein grosses Haus bauen will, um in ihm bedürftige Kinder zu pflegen und zu be­treuen. Die kindliche Fantasie wurde Wirklichkeit: Marie Mei­erhofer hat ihr Leben lang im übertragenen Sinne an einem Haus für Kinder gebaut und für das gesunde Aufwachsen der Kinder in der Schweiz und in Europa grosse Verdienste er­worben.
Die Idee, als Ausstellung ebenfalls ein „Haus zu bauen“ stand damit für uns fest. Doch wie?
Im Internet stiess ich auf die nicht nur praktischen, sondern auch schönen Schalungselemente der Firma NOE in Oensingen. Die Direktion der Firma war spontan bereit, mit uns zusam­menzuarbeiten, wofür ich mich hier ganz herzlich bedanke.
Die Schalungselemente gaben uns eine doppelte Möglich­keit: Wir konnten im Innern einen ruhigen, meditativen Raum schaffen und im Aussenstand uns eine stark strukturierte Oberfläche zur Verfügung.
Das Innere eignete sich hervorragend, um auf Bildplachen mit kurzen Texten das Leben und Werk von Marie Meierhofer in 12 Stationen darzustellen. – Die Gestaltung der Plachen erfolgte durch zwei junge Absolventen der Hochschule für Gestaltung Luzern: Catrina Wipf und Samuel Egloff.
Beifügen muss ich hier, dass Marie Meierhofer aus einer Fa­milie stammt, in der die Fotografie und später auch der Film eine grosse Rolle gespielt hat. Das Archiv Marie Meierhofer verfügt deshalb über einige tausend hervorragende Bilder, die einen Zeitraum von fast 100 Jahren umspannen.
Erwähnt sei ebenfalls, dass der grosse Bekanntheitsgrad, den Marie Meierhofer zu Lebzeiten hatte, wesentlich darauf zurückzuführen ist, dass sie ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht nur aufschrieb, sondern immer auch in Fotografien und Filmen dokumentiert hat. Ihre Bilder isolierter, sich stereotyp bewegender Säuglinge in Zürcher Heimen, die im Film „Im Schatten des Wohlstandes“ von den beiden Film­schaffenden Reni Mertens und Walter Marti mit Bildern aus der Bankenszene der Zürcher Bahnhofstrasse zusammen geschnitten wurden, erregten nicht nur den Protest der Hei­me, sondern auch des Stadtrates. Der Stadtrat verbot in der Folge Marie Meierhofer, ihre Filme öffentlich aufzuführen.

DAS FUNDAMENT

Ich habe es erwähnt: Das ruhige Innere der Ausstellung hat ein buntes, lebendiges und aufmüpfiges Äusseres.
Marie Meierhofer hat ein Leben lang unermüdlich für bessere Bedingungen des Aufwachsens der Kinder gekämpft und sie hat mit ihrem Einsatz ein gutes Fundament für eine gesunde Entwicklung der Kinder gelegt. Dieser grosse Einsatz ist aber auch eine Aufforderung, dass weitergekämpft und weiterge­baut werden muss. Der Einsatz für Kinder ist ohne Zweifel einer „ewige Baustelle“.
Die Stiftung hat deshalb verschiedene Organisationen, die sich heute für bessere Bedingungen des Aufwachsens der Kinder einsetzen angefragt, ihre Wünsche und Forderungen zu formulieren. Diese Forderungen bilden den Inhalt der bun­ten Aussenhaut der Ausstellung, der „Baustelle Kind“.
Über die Schalplatten hinweg - hier hat eine weitere junge Gestalterin Ann Gerschwiler, Absolventin für Szenografie an der Hochschule für Gestaltung in Basel mitgewirkt - wurde ein Stoffband gespannt, auf dem die verschiedenen Forderungen platziert sind. Ergänzt werden sie durch Piktogramme von spielenden und sich bewegenden Kindern. Die Piktogramme stammen von Anne Eggmann. Sie gehen auf eine frühere Zu­sammenarbeit mit Martin Eggman im Zusammenhang der Broschüre „Kinder kennen heisst Kinder schützen“ zurück. Die Piktogramme passen bestens ins Konzept, denn die For­derung nach mehr Raum für Kinder, in dem Kinder sich un­begleitet selbständig bewegen können, ist heute wohl eine der wichtigsten Bedingungen für ein gesundes Aufwachsen. Raum ist nicht nur Vorrausetzung für eine gute motorische Entwicklung, sondern ebenso zentral für die Verhinderung von Übergewicht, eine gute soziale und kognitive Entwicklung.
Über die Pikto-Kinder und die Forderungen der verschiedenen Organisationen hinweg, sind rot-weisse Absperrlatten gelegt. Sie machen deutlich, dass heute noch oder heute noch ver­stärkt, für Kinder vieles Sperrgebiet ist. Es ist unsere Aufga­be, diese Sperrgebiete für Kinder zu öffnen und den Kindern selbstständigen Zugang zur Welt zu verschaffen, um sie so im weitesten Sinn zu integrieren.

DIE KLAMMERN

Damit unsere Gesellschaft zusammenhält braucht es KLAMMERN.
Marie Meierhofer war ein Kind der Krise. Zunächst verunfallt der kleine Bruder tödlich, sehr früh auch die Mutter und 1931 verunfallt der Vater. Damit verlieren die drei Geschwis­ter auch noch jeglichen materiellen Rückhalt. Das Vermögen des Vaters ist vollständig in wertlosen Aktien der eigenen Broncewarenfabrik angelegt. Die Antwort von Marie Meierho­fer und ihrer Geschwister ist einfach. Marie vermerkt in ihren autobiographischen Notizen lakonisch: „WIR HATTEN GUTE FREUNDE“. Ich denke, dass diese Antwort hat heute noch heute ihre Gültigkeit hat.
Die einzelnen Schalplatten werden durch gewichtige und schwere KLAMMERN zusammengeheftet. Nur auf diese Wei­se wird es möglich, komplexe Bauten zu errichten.
Eines der grossen Probleme heute, insbesondre in der Fa­milien- und Bildungspolitik ist, dass wir die Fähigkeit verloren haben, die verschiedenen Bereiche, Familie, Wohnumfeld, Arbeit, Krippen, Kindergarten, Schule miteinander sinnvoll zu verklammern. Wir schwimmen haltlos in globalen Betrachtungsweisen. Jeder kocht die eigene Suppe.
Marie Meierhofer hat bereits in den 50-iger Jahren eine umfassende Familien- und Kinderbetreuungspolitik gefordert, in der Familienarbeit und Arbeitstätigkeit sinnvoll mit den Möglich­keiten der ausserfamiliären Betreuung der Kinder verknüpft sind. So forderte sie nicht nur sinnvolle Arbeitszeiten, son­dern auch gut erreichbare Betreuungsmöglichkeiten für Kin­der. Jede Siedlung sollte über Horte und Krippen verfügen. Die Familie sollte derart unterstützt werden, dass die Eltern sowohl die Möglichkeit hätten, die kleinen Kinder selber zu betreuen oder sie in gute Krippen zu geben.
Auch als Kinderpsychiaterin hat sie, lange bevor es so etwas wie Familientherapie gab, die ganze Familie in die Therapiearbeit einbezogen, von den Grosseltern bis hin zu den Haus­tieren.
Es fehlt uns heute vor allem an der Bereitschaft aufeinander zuzugehen und gemeinsam die verschiedenen gesellschaftli­chen Bereiche miteinander zu verklammern.

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