Wie aus Stein gemeisselt

  • Azzola Andina, Architekt: «Die Bauten erscheinen monolithisch, wie ausgegraben. Dies erforderte ein konsequentes Umsetzen, von der Idee bis zur Realisation.»
    Azzola Andina, Architekt:
    «Die Bauten erscheinen monolithisch, wie ausgegraben. Dies erforderte ein konsequentes Umsetzen, von der Idee bis zur Realisation.»
  • Sofia Sánchez, Architektin: «Sichtbar sind nicht Fugen, sondern Einschnitte. Die Matrizen erlaubten die Ausführung in Ortbeton.»
    Sofia Sánchez, Architektin:
    «Sichtbar sind nicht Fugen, sondern Einschnitte. Die Matrizen erlaubten die Ausführung in Ortbeton.»
  • Sergio Vela, Bauunternehmer: «Die Matrizen konnten wir auf die eigenen Schalelemente montieren.»
    Sergio Vela, Bauunternehmer:
    «Die Matrizen konnten wir auf die eigenen Schalelemente montieren.»

Wie aus dem Fels gehauen stehen zwei Wohnhäuser im Tessiner Minusio mit Blick auf den See. Ihr Erscheinungsbild verdanken sie vor allem der Sichtbetonweise mit 3D-Schalungsmatrizen.

Die Architekten Azzola Andina und Sofia Sánchez des Studios d’architettura aapl.ch in Minusio und Locarno TI sind die Urheber der beiden Monolith-Wohngebäude an der Via Rinaldo Simen in Minusio. Für die Edelresidenz entwickelten Sie eine Formensprache, die aus der örtlichen Natur stammt – dem Felsen aus dem Bergmassiv des Monte Bré. Die Vorgabe waren zwei kleinere Mehrfamilienhäuser, mit fünf Etagen und Attikawohnung in einer ruhigen Umgebung mit Aussicht auf den Lago Maggiore, dementsprechend eine moderne und gefällige Residenz mit anspruchsvoller Güte.

Der Vision der Architekten folgend

Um die Baukörper als reale Monolithen erscheinen zu lassen, mussten sie aus einem einzigen Block herausgeschnitten werden, mit einer steinigen Oberfläche und klaren Formen. Die naheliegende Lösung bot sich in Sichtbeton, der ohne Nachbearbeitung und ohne sich zu verstecken den monolithischen Stein repräsentiert. Die Architekten bedienten sich bei den Schalungsmatrizen von Noe und «erfanden» dabei eine dreidimensionale Oberflächenstruktur. Aber noch war es ein langer – und steiniger – Weg bis der wilde und «aus dem Stein gehauene» Naturblock realisiert war.
Konsequent verfolgten die Architekten ihre monolithische Idee. Von aussen durften keine Dilatationsfugen sichtbar sein, die Struktur muss ohne Unterbruch verlaufen, die gesamte Gebäudehöhe sollte wie aus einem Guss erscheinen, mit eingeritzten Andeutungen der Deckenplatten. Der Fassadenblock bildet mit Boden und allen Decken einen einzigen statischen Verbund. Man sieht, wie es hält, daraus kristallisierte sich eine ehrliche Konstruktion.
Der kluge Einsatz der Schalungsmatrizen erreichte, auf eine Vorfabrikation gänzlich zu verzichten. Der Monolith entstand in Ortsbeton. Das Entfernen des Baugerüsts war wie eine Enthüllung. Die hohe Wohnqualität, einheitliche Bausubstanz und eine klare Formensprache – die Monolithen sind für die Bewohner wie eine Visitenkarte. Die einzige Nachbehandlung bestand im Imprägnieren der äusseren Betonoberflächen.

Eine Herausforderung für die Baumeister

Der Bauunternehmer Sergio Vela der Vela-Icos SA, Locarno, führte die Baumeisterarbeiten im Baukonsortium mit Belli Conseil, Gordola. Von Anfang an mussten gerade für die Betonarbeiten viele Details studiert und gemeinsam angeschaut werden. Sogar unter den Stockwerken gab es Unterschiede, auch wenn die beiden Häuser ähnlich aussehen, gab es wesentliche Abweichungen. Dass es sich zum Teil um Pionierarbeit handelte, zeigte sich in den diversen Eins-zu-Eins-Mustermauern, den Tests mit unterschiedlichen Betonrezepturen.
Die Matrizen liessen sich problemlos auf die eigenen Schalelementen montieren. Es musste ein System gefunden werden, um die gleiche Matrizenstruktur so viel wie möglich fortzusetzen, ohne dass Übergänge sichtbar wurden.
Sergio Vela: «Ursprünglich wollten wir beide Gebäude gleichzeitig hochziehen. Das war aber nicht angebracht, da wir die gleichen Matrizen für jede Etappe benutzen wollten.» Deshalb wurden die Gebäude in unterschiedlichen Phasen hochgezogen. Es ist nicht so einfach, einen durchgehenden Verlauf der Struktur zu finden, denn in der Vertikalen musste die Fassade auf ganzer Gebäudehöhe wie auf einem Guss erscheinen. Es erforderte einiges an Geschick und Lernfähigkeit, das auf diese Weise sauber zu realisieren. Die Fassade erscheint schliesslich als eine fugenlose Oberfläche. Die sichtbaren Deckenränder wurden nachträglich ausgefräst.
Der Baupolier war beim ganzen Ablauf eine Schlüsselfigur. Unternehmer Sergio Vela erklärt das Vorgehen: «Wir stellten zwei separate Mannschaften zusammen: eine erstellte ausschliesslich die Fassade, die andere war für das Erstellen des inneren Rohbaus zuständig.» Das gewährleistete eine durchgängige Qualität – da die Fassaden ein separates Know-how verlangten. Die Betondicke der Fassade liegt zwischen 25 und 30 Zentimeter. Dies wurde vom Statiker verlangt, um mit der dreidimensionalen Struktur genügend Betonüberdeckung für die Bewehrung zu gewährleisten.
Auch die Betonieretappen verlangten einiges ab, denn die Fassade musste frei sein von Dilatationsfugen. Dafür langte der Ingenieur in seine Trickkiste und versteckte die Fugen in die Gebäudeecken. Die Arbeitstruppe steigerte fortlaufend ihre Fertigkeit, nicht zuletzt dank der begleitenden Unterstützung des Matrizenherstellers Noe. Viele Kniffs wurden erlernt, bei den Mauerabschlüssen, für das Ausschalen, bei der Dilatation. Die Herausforderung bestand darin, trotz unterschiedlichen Geometrien möglichst wenige Matrizenteile einzusetzen. Sergio Vela zieht sein Fazit: «Unter dem Strich verwendeten wir für 2500 Quadratmeter Schalung rund 250 Quadratmeter Matrizen. Und das bei diversen nachträglichen Änderungen während der Bauzeit.» Allerdings würden sie mit dem heutigen Wissen einiges mehr an Vorlaufzeit einrechnen.

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